Se-Mo-Co-Programm
Lucas leidet unter massiven Wahrnehmungsstörungen aller fünf Sinne. Das heißt er hört, fühlt, riecht, sieht und schmeckt anders als die meisten von uns die wir uns „normal“ nennen.
Lucas hört zu gut, was er wirklich alles hört, kann ich nur erahnen. Manche Kinder können selbst Glühbirnen hören.
Auch fühlt er anders. Besonders seine Hautoberfläche ist unendlich empfindlich, wohingegen seine Tiefensensibilität stark unter dem Normbereich (er empfindet kaum Schmerz) liegt.
Sein größtes Problem ist das Sehen. Lucas ist in der Lage, alles mit einmal zu sehen (er erkannte dadurch kaum etwas im Detail). Alles was er sieht, wird sofort gespeichert – braucht deshalb auch keinen „2. Blick“ (was von vielen als Unaufmerksamkeit gesehen wird).
Wie es mit dem Geruch und Geschmack „aussieht“, ist bislang noch unklar.
All das heraus zu finden dauerte 8 Jahre. Weder ein Arzt, noch ein Therapeut waren in der Lage (oder gewillt) mir eine Möglichkeit zu zeigen, wie man dies verbessern könne (hätte ich nicht das Buch von Linda Scotson „Doran“ gelesen, wäre ich niemals diesen Weg gegangen.)
Ein Rehabilitationsspezialist aus den Vereinigten Staaten, Herr Donald T. Szegda, erklärte mir die Tatsachen anhand meiner Beobachtungen und Erfahrungen mit Lucas (eigentlich so nicht üblich bei Ärzten und Therapeuten)
Er zeigte uns einen Weg, wie wir Lucas’ gesamte Störungen „behandeln“ könnten. Er gab uns ein Hausprogramm, welches auf die Linderung der Wahrnehmungsstörung und auf die verbesserte motorischen Fähigkeiten ausgerichtet war.
Natürlich ist dies kein Programm, welches man heute anfängt und morgen beendet. Es bedarf sehr viel an Geduld und Zeit das beste „Hilfsmittel“ jedoch ist die unendlich große Liebe zwischen uns. Lucas’ Fortschritte sind so schön, dass ich die 2 bis 3 Stunden Programm mit ihm meistens auch genieße. Nicht immer ist es so leicht für mich, da ich ja auch noch meinen „kleinen“ Liebling Paul habe!
Angefangen haben wir das Programm im November 2004, alle 6 Monate bekommen wir ein neues.
Was hat sich getan?
Es ist so vieles. Oftmals lässt sich auch gar nicht alles mit Worten ausdrücken. Lucas nimmt wirklich kleinste Details war und er muss sie wieder in Ordnung bringen (ein Stift wird nach dem Schreiben nicht dorthin zurückgelegt wo er war). Natürlich hat sich seine Sprache deutlich verbessert. Was vorher 1 bs 2 Sätze oder auch nur Zeichen oder Geräusche waren, sind jetzt schon 5 bis 6 zum Thema passende Wortsätze. Früher hatte er immer nur alles wiederholt! Sein Ausdruck in manchen Situationen nimmt mir fast den Atem (ich kann es kaum glauben dies sagt kein geistig behindertes Kind). Er hat Humor und Witz entwickeln können und veralbert alle, wann immer er kann. Ich konnte herausfinden, das er lesen kann! Wer weiß, was noch in diesem „Kerlchen“ steckt (ich finde es heraus)?
Jeder Arzt (wirklich jeder, und ich war überall) gab mir den „Rat“: „Finden Sie sich damit ab! Da kann man gar nichts machen!“
Wie froh bin ich, das ich mich nicht damit abgefunden habe!
Lesen Sie dazu auch zwei Artikel der „Thüringer Allgemeine“ von Birgit Schellbach. Die Zeitungsartikel öffnen sich in einem neuen Fenster.